Das Fenster

Am Tag danach erwachte er vor seiner gewohnten Zeit, so wie es jetzt des Öfteren geschah. Anfangs hatte dieser Umstand ihn beunruhigt, hatte ihn, den ehemals leidenschaftlichen Ausschläfer, in sich hineinhorchen und nach möglichen Ursachen suchen lassen, derer es gewiss reichlich gab. Heute mochte der Grund in der Hitze der Nacht zu suchen sein, die ihn dazu bewogen hatte, das nach Westen gelegene Fenster weit zu öffnen und bis zum anbrechenden Tag in diesem Zustand zu belassen. Ohne sich zu bedecken, hatte er sich am Abend zuvor ausgestreckt, noch für eine kurze Weile der Stille der Nacht lauschend und den warmen Lufthauch spürend, der über seine Haut strich. Ja, vielleicht hatten ihn heute die leisen Geräusche geweckt, die durch das immer noch geöffnete Fenster ihren Weg in seine Träume fanden. Vielleicht aber lag es auch an den Gedanken, seinen beim Einschlafen gedachten, und sie hatten sich im Dunkel der Nacht klammheimlich in ihm ausgebreitet.
Da sitzt er nun mit seiner ungewohnten Stimmung, die sich anfühlt wie geradewegs überwältigt und gleichzeitig hinterrücks überrumpelt. Nimmt sie, wie sie ist, fragt nicht danach, ob von ihr oder von sich selbst. Weiß nur, daß er heute Nacht das Fenster wiederum öffnen möchte. Vielleicht sogar noch einen Spalt breiter als gestern.
"mirando así arriba": courtesy of Claudia A. De La Garza
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